Vortrag Christof Ziegert: Tragendes Lehmsteinmauerwerk vs. Holzbau mit schweren Lehmsteinausfachungen
02. März 2026
Eine Abwägung anhand von Planungs- und Ausführungskriterien
Datum: Montag, 2. März 2026, 19 Uhr
Ort: ETH Zürich, LEE E101, Leonhardstrasse 21, 8092 Zürich
Referent: Christof Ziegert, ZRS Ingenieure, Berlin
Themen:
- Holzbau mit schweren Lehmsteinausfachungen
- Tragendes Lehmsteinmauerwerk
Einladung Vortrag Christof Ziegert
Seit 2023 ermöglicht DIN 18940 in Deutschland den Einsatz des tragenden Lehmsteinbaus für bis zu 4-geschossige Gebäude. Parallel werden immer mehr Holzbauten nicht nur mit Lehmplatten verkleidet, sondern für den sommerlichen Wärmeschutz mit schweren nichttragenden Lehmsteinmauerwerk ausgefacht. Der Vortrag nimmt die Teilnehmenden auf eine Abwägung mit, unter welchen Objektbedingungen die Wahl auf welche dieser jeweils ausgesprochen nachhaltigen Konstruktionsweisen fiel oder fallen könnte.
Freundlich unterstützt wird die Veranstaltung vom CAS ETH Regenerative Materials.
Lehmbau-Experte Prof. Christof Ziegert ist im Bereich Lehmbau und Denkmalpflege eine Grösse. Er ist Mitinhaber des Planungsbüros ZRS Ziegert Roswag Seiler in Berlin, Honorarprofessor für Lehmbau an der FH Potsdam und Obmann des Normenausschuss Lehmbau am DIN. Er wird uns aus seinem reichen Erfahrungsschatz wertvolle Einblicke bieten.
Bericht zum Vortrag
Aus Lehmbau-Sicht lohnt es sich meist, in den Nachbarländern mit ihren langjährigen Lehmbautraditionen zu schauen, insbesondere nach Deutschland wegen der jüngeren Vorstösse zur Normierung, die sich immer mehr bewähren.
Genauso lohnt es sich immer an einen Vortrag von Christof Ziegert, mit dem wir seit Jahren in schöner und inspirierender Verbindung stehen, zu gehen. Dort erfährt man aus erster Hand, was wichtig ist und welche Belege es dafür gibt.
Die deutschen Normen im Lehmbau wurden aus dem Selbstverständnis des Lehms und einem Bezug zur möglichst einfachen Umsetzung konzipiert. Heute können sie als minimal hinreichende Regulierung angesehen werden. Im Gegensatz zu vielen gängigen Normen-Paketen der DIN bzw. EN treibt es die innovative Verbreitung des Lehmbaus im materialgerechten Rahmen voran.
Als eine der treibenden Kräfte dahinter weiss Christof Ziegert genau um was es dabei geht, auch durch seinen praktischen Hintergrund sowohl als Maurer und wie auch als Ingenieur: lehmgetreue Mischungen ohne stabilisierende Modifikation und Konstruktionen, die die prägenden Materialeigenschaften berücksichtigt.
In seinem Vortrag differenziert er genau zwischen den beiden derzeit aufstrebenden Verwendungen mit Lehmsteinen. Einerseits das herkömmliche Lehmsteinmauerwerk nach der Anwendungsnorm DIN 18940, welches in Deutschland bei bis zu 4 Geschossen tragend ausgebildet werden. Andererseits kann der Lehmstein auch mit einer Tragstruktur aus Holz ausfachend kombiniert werden. Beides gibt es grundsätzlich schon seit Jahrhunderten und hat je nach Situation seine Vor- und Nachteile wie der Gründungsparter von ZRS Architekten und Ingenieure in Berlin aufzeigt.
Beide Lehmstein-Konstruktionen punkten beim sommerlicher Wärmeschutz und überzeugen konstruktionsbezogen in holistischer Betrachtungen in Abwägungen von Brandschutz, Schallschutz, Lasten und Global Warming Potential. Vieles ist dem Mauerwerk im bekannter handwerklicher Ausführung mit Backstein sehr ähnlich und ein handwerklicher Umstieg ist leicht zu schaffen. Aber es gibt auch Besonderheiten oder eben Unterschiede in den Bauweisen.
Dabei ermöglicht die Holz-Lehm-Bauweise, wie im Beispiel des Katholischen Schulzentrums St. Mauritius in Halle/Saale, eine Flexibilität im Grundriss. Allerdings ist auch das Schwinden der Holzkonstruktion zu berücksichtigen. Denn damit hängt auch die Rauchdichtigkeit zusammen, die ein mind. einseitiges Verputzen erfordert. Die Lasten der Lehmsteine für 3-4 Geschossen führen hierbei zu vernünftigen Holzquerschnitten. Bemessung der Ausfachungen erfolgt wie bei Porenbetonsteinen. Logistisch zu beachten, ist die Anlieferung der Lehmbausteine ins Trockene. Sie muss also vor den Decken erfolgen. Die konstruktive Detailausbildung erfolgt mit Vierkantleisten (Neubau) und einem Havarieschutz durch Schwellenholz. Ein mehrschichtiger Aufbau besteht dazu beispielsweise aus Holzweichfaserplatte als beweglicher Putzträger, zzgl. Putzbewehrungsträger und Lehmputz mit Bewehrungsgewebe.
Die massiven Lehmsteinmauern wie in dem Projekt AVA Augsburg können in der Bauweise mit Holzdecken also auch hybrid ausgeführt werden. Ein Mischmauerwerk ist wandweise möglich (wg. Steifgkeit).
In der Bemessung ist der Knickbeiwert, der unterschiedlich zu Backsteinmauerwerk ist, zu beachten. Zudem ist die Abminderung durch einen Umgebungsfeuchtefaktor erforderlich (ähnlich wie beim Holzbau), da die Tragfähigkeit bei Feuchte geringer ist. Auch Ringanker bzw. -balken sind konstruktiv nötig. Die DIN 18940 ist für Erdbebenzone 0-1 konzipiert. Die Schweiz ist hier häufig darüber. Deshalb ist oft ein Stahlbetonkern und Deckenscheiben notwendig. Derzeit ist der Schallschutz normentechnisch leider noch nicht intergrierbar, aber der Lehmstein schluckt doch mehr.
Konstruktiv wird auch hier ein Havarieschutzschicht aus Backsteinen ausgebildet, wie auch eine Horizontalsperre eingebracht. Ein Verputzen ist direkt möglich. Dem Lehm entsprechende Konstruktionsregeln sollten bspw. Fenster etwa übereinander angeordnet sein. Die Dämmung kann gut mit Holzweichfaser erfolgen. Für die Handhabung der Lagerung ist es neben Schutz durch umhüllende Folien zwingend, oben und seitlich wasserdicht gerüsten. Für die Regenphasen kann ein komplettes Gerüst mit Dach durch stabile Wetterbedingungen und entsprechendem Arbeitsfortschritt kompensiert werden.
Immer mehr Beispiele belegen, dass das Bauen mit Lehmsteinen nicht nur ökologische, sondern auch eine ökonomisch nachhaltige Bauweise ist. Dies erkennen auch immer mehr Ziegeleien in Deutschland und mittlerweile auch in der Schweiz. Dementsprechend kommen immer mehr Lehmsteine auf den Markt und können ihre breite Anwendbarkeit und Verlässlichkeit unter Beweis stellen.
Christiane Löffler, 14. April 2026
Beteiligte Firmen
© Fotos:
- ZRS Ingenieure, Berlin
Veranstalter
IG Lehm Fachverband Schweiz
&
Lehrstuhl für Nachhaltiges Bauen, ETHZ
&
Christof Ziegert, ZRS Ingenieure Berlin
Ort
Zürich ZH