Lehm ohne Grenzen: Türkei und Taiwan & Diplomübergabe & Besichtigung Lehmwerk

27. März 2026

Lehm ohne Grenzen

Vorträge zu Lehmbau-Projekten in andern Ländern

Einladung

Datum: Freitag, 27. März 2026

Zeit: 13.00 – 18.00 Uhr

Orte: 
Südatelier im Goetheanum, Rüttiweg 45, 4143 Dornach
Bienenhaus beim Goetheanum
Firma Lehmwerk, Bödeli 12, 4206 Seewen

Programm:
Bis 13:00 Treffpunkt Bahnhof Dornach
13:00 Verschiebung mit Privat-Autos/Begrüssung    
Wir treffen uns vor 13:00 Uhr beim P+Rail, Bahnhof Dornach. Von dort verschieben wir uns um 13:00 Uhr in Gruppen mit Privatautos zu den Vortägen im «Südatelier» im Goetheanum.

Begrüssung & Apéro im Goetheanum Dornach
Ein Apéro, Kaffee und Tee werden offeriert von der IG Lehm - anschliessend Begrüssung durch den Vorstand IG Lehm.

14:00 Vortrag Georg Faulhaber
Palimpsest Grounds, Safe Room. Taipeh/Taiwan - Ein Kunstprojekt über die Fragilität der Existenz und das verhandeln krisenhafter Räume

15:00 Vortrag Bilgehan Köhler
Lehmarchitektur in Zile (Develi/Kayseri)
Eine persönliche architektonische und archäologische Reise durch die Lehmlandschaften der Türkei

16:00 Diplomübergabe
ibW Kompaktkurs Bauen mit Lehm zur «Fachperson Lehmbau»

16:15 Besichtigung «Bienenhaus» Dornach
Kurze Besichtigung des Bienenhauses/der Bienenskulptur mit Georg Faulhaber. Aufbau: Holzständer mit Strohlehm-Ausfachung, Lehmverputz innen, Kalkputz auf Schilfrohrmatten aussen. Anschliessend Verschiebung mit Privatautos nach Seewen.

17:00 Besichtigung Produktion Lehmwerk in Seewen
Marc Hübner, Produzent von Lehmbaustoffen «made in Switzerland», öffnet uns seine Türen und bietet Einblick in die Produktion von Lehmbauplatten, Verputzen und Lehmsteinen.

18:00 offizielles Ende der Veranstaltung
anschliessend Verschiebung zurück zum Bahnhof Dornach resp. Abendessen nach Absprache

Vorträge:

  • Georg Faulhaber
    Palimpsest Grounds, Safe Room. Taipeh/Taiwan
    Ein Kunstprojekt über die Fragilität der Existenz und das verhandeln krisenhafter Räume

Georg Faulhaber wurde eingeladen mit dem Schweizer Künstler Leonardo Bürgi Tenorio und Team in einer provinziellen Ziegelei nahe Taipeh City Stampflehmelemente für eine Ausstellung im öffentlichen Raum vor dem Museum für Gegenwartskunst zu produzieren. Nach der Trocknung wurden diese schliesslich vor das Museum of Contemporary Art verschoben um sie dort zu vermauern. Die fragmentierte Installation aus Stampflehmelementen verweist auf die Zusammensetzung der Zeit, welche sich in den Schichten des Bodens widerspiegelt. Zentral sind
Prozesse von Wachstum und Verfall in Natur und Kultur. «Palimpsest Grounds» untersucht die Beziehung zwischen vom Menschen geschaffenen architektonischen Räumen und organischen natürlichen Umgebungen und versinnbildlicht durch die Stampflehmelemente wie sich Erde in Schichten erinnert und gleichzeitig das Potential in sich birgt neues Leben zu tragen. Mit seinem Ausbildungshintergrund in «Fine Arts» begleitet Georg Faulhaber zuletzt vermehrt Projekte an der
Schnittstelle von Kunst und Handwerk. Er arbeitet vornehmlich an der Realisierung oder Produktion von Kunst am Bau und immersiven Installationen sowie Theaterinstallationen.

Künstler:
Leonardo Bürgi Tenorio
Portfolio

  • Bilgehan Köhler
    Lehmarchitektur in Zile (Develi/Kayseri)/Türkei
    Eine persönliche architektonische und archäologische Reise durch die Lehmlandschaften der Türkei

Dr. Bilgehan Köhler nimmt uns mit durch Zeit und Raum an einen Ort ihrer Kindheit. Dieser Ort ist heute auch Teil ihrer Tätigkeit mit Schwerpunkt in der Erforschung und Dokumentation der Lehmarchitektur in Zile und deren Bedeutung entlang der historischen Seidenstrasse. Überdies untersucht sie auch die mündlich überlieferte Erinnerung an das Zusammenleben muslimischer und orthodoxer Familien. Ihr besonderes Interesse gilt den kulturellen Kontinuitäten vom Neolithikum – insbesondere im Umfeld von Catalhöyük – bis zur spätosmanischen Lehmbaukultur Anatoliens. In Zile leitete sie die Restaurierung historischer Lehmhäuser und die Wiederbelebung der traditionellen Lehmziegelherstellung. Dr. Köhler lebte und arbeitete in Köln, Istanbul, Jeddah und Zürich. Heute lebt sie mit ihrer Familie in Genf. Der Vortrag verbindet biografische Erinnerung mit archäologischer Analyse und denkmalpflegerischer Erfahrung. Er bildet zugleich eine persönliche, fachlich fundierte Reise durch die Lehm- und Tufflandschaften Anatoliens – dorthin, wo Erde, Erinnerung und Baukultur noch heute miteinander verwoben sind.


Diplomübergabe «Fachperson Lehmbau»

an die Absolventinnen des ibW Kompakt-Lehrgangs zu Lehmbau

Bauen mit Lehm

Margit Geiger übergibt die Diplome an die Absolvierenden des dreiwöchigen Lehrgangs «Bauen mit Lehm» zur «Fachperson Lehmbau» 2026.

Bericht

Lehm ohne Grenzen – und das ziemlich wörtlich. Im Südatelier des Goetheanum, diesem imposanten, organisch geformten Koloss in Dornach, wurde es nach dem Eintreffen erdig, international und stellenweise recht philosophisch. Mittendrin: die frisch diplomierten Fachpersonen Lehmbau der ibw Chur – nun mit Zertifikat in der Hand, mit Freude gewürdigt und vielleicht schon mit dem nächsten Mischverhältnis oder Lehmprojekt im Kopf startbereit.
 

Georg Faulhaber nahm uns in seinem Vortrag mit seinem Projekt «Palimpsest Grounds» mit nach Taipeh, Taiwan. Der Name ist Programm: Schichten über Schichten, Vergangenheit und Gegenwart gleichzeitig sichtbar – nur eben nicht auf Pergament, sondern in Stampflehm. Die Ausgangslage der Teamarbeit war die Skizze des Schweizer Künstlers Leonardo Bürgi Tenorio. Sie zeigt diverse erdene Elemente, wie Treppen, Torbögen, Sitzmöglichkeiten und Brückenfragemente, die eine eigene Welt rahmen. Einen Ort aus Lehm.
 

Der Ursprung, warum Lehm, liegt für den Kunstschaffenden in der uralten Baukultur der Weltregion, wie man sie z.B. bei den Tulu-Häuser in Südost-China findet. Das dort angesiedelte Haka-Volk haust in einer Art Lehmfestungen nach dem Dorf-in-Haus-Prinzip. Im Inneren zeigen sie die Typologie einer Laubengemeinschaft und von aussen einen Lehm-Wall mit fensterlosem Sockel und sichtbarem Havarieschutz. Wie Lehm verwendet wird, erzählt viel über die Menschen und das Leben vor Ort. So wird beispielsweise Reisstärke dem Lehm als Klebstoff beigemischt und lässt auf landwirtschaftliche Zusammenhänge, ja auf Mehrfachnutzungen und empirisches Weiterverwenden, schliessen.
 

Direkt vor dem heutigen Museum für zeitgenössische Kunst in Taipeh wurde die anfängliche Skizze mit Georg Faulhaber und Team in eine temporäre Kunstinstallation aus Stampflehm transformiert. Verschieden geformte Lehmelemente spannen auf dem öffentlichen Vorplatz des Museums für kurze Zeit einen Raum auf – für Aufenthalt, Spiel und Begegnung. Die Klinkerschicht als Sockel der Stampflehm-Elemente nimmt Referenz an das bestehende Museumsgebäude, ein ehemaliges japanisches Schulhaus in Sichtmauerwerk. Subtropisches Klima inklusive täglichem Starkregen? Der Stampflehm stand in Südostasien vor Herausforderungen. Es waren nicht nur Regentropfen, in welcher Menge wir sie in unseren Längengraden kennen, es waren regelrechte Wasserfälle die zwischenzeitlich vom Himmel fielen. Die Erosion an den Lehmobjekten wurde in diesem Zusammenhang nun nicht als Problem, sondern als Teil des Konzepts gesehen. Drei Monate unter freiem Himmel – und das Werk verändert sich bewusst. Lehm als miterlebten Prozess, nicht als Zustand. Eingestampft wurden in die Kunstinstallation mit dem vom Taifun gefällten Baumstrunk und der wertvollen Ressource Lehm in massiven Schichten, zugleich auch politische Spannungen, Themen der Bodenhaftigkeit eines Inselstaats und die Frage nach Permanenz.
 

Seit den 1970er-Jahren hat der Abbau von Lehm eine schwierige Stellung. Damals führte übermässiger Abbau zu heftigen Erdverschiebungen und löste einige gravierende Erdrutsche aus. Seither trifft man bei der Lehmsuche auf Widerstand und der «Baustoff der Armen» wurde zu rarem Gut. Die Materialsuche in der Vorarbeit wurde gegenwärtig zur eigenen Geschichte: Nahe Flussbetten um Taipeh, alte Abbaugebiete, Widerstände, Zufallsfunde in Stadtgetümmel – bis hin zum Friedhof in der Peripherie als unerwartete Quelle. 6 Tonnen Material, austariert zwischen Fett und Sand, mit gesunder Portion Trial-and-Error. Wenn in der Bauindustrie Wartung als Mangel gilt und Dauerhaftigkeit Statussymbol ist, setzt ein temporäres Lehmkunstwerk, wie das von Georg Faulhaber, einen ziemlich eleganten Kontrapunkt.
 

Auf der Suche nach Lehm entdecke das Projektteam in den Hinterhöfen der alten Stadtviertel, sinnbildlich inmitten der dichten Magacity urbane Minen mit Lehm. Früher war er als Baustoff der Häuser gängig, heute kaum zu finden.

Bilgehan Köhler spannte anschliessend den Bogen in die Südosttürkei – archäologisch fundiert und persönlich erzählt aus dem Leben der Archäologin und Kunsthistorikerin. Von der Ausgrabungs- und Arbeitsstätte in Kültepe bis zum Geburtshaus ihrer Mutter in Zile: Lehmbau gezeigt als gelebter Alltag in der Türkei. Anatolien gilt als Wiege des Lehmbaus. Die damals aus der Mongolei vertriebenen und in die Türkei geflüchteten Seldschuken seien wahre Meister des Materials und brachten die Bauverwendung in die Region.
 

Der Vortrag brachte mit den Erzählungen vom Elternhaus Einblick in ein traditionelles, türkisches Wohnhaus der Provinz Kayseri. Die pragmatisch gute Grundkonstruktion besteht aus verputzten, mit Lehmsteinen ausgemauerten Holzständer. Im Inneren des Hauses trifft man auf klassische Elemente, wie einem ‚Sedir‘, einer fest eingebauten Sitzstruktur für Familie und Gäste, auf Erker mit aufwändigem Holzdekor verziert, und auf erstaunlich frühe «Privatbädern», statt den sonst verbreiteten öffentlichen Hamam. Eindrückliche Geschichten von Gecekondu-Siedlungen folgten: Einfache Lehmhäuser, die quasi über Nacht entstanden und plötzlich ganze Hügel besiedelten – ganz im Sinne von: wer baut, hat das Recht zu bleiben. Die Städte der Region wuchsen und die Landflucht wurde zum Thema in der Südost-Türkei. Die Rede war auch von landesweiten Reformen, die zwar Bildung und Perspektiven ermöglichten, Brücken schlugen und Verständnis brachten, aber auch kulturelle Fäden ausdünnten. Die Inputs von Bilgehan Köhler brachten einen wunderbaren Vorgeschmack auf die geplante OnTour der IG Lehm in die Türkei, wo den traditionellen Lehmspuren und erdbezogenen Zeitzeugen nochmals hautnah nachgegangen werden kann.
 

Zum Schluss rundete ein Spaziergang zum Bienenhaus im Garten die Veranstaltung ab – ebenfalls ein Projekt in dem Georg zusammen mit Marc Hübner, dessen Lehmwerk wir im Anschluss noch besuchten, involviert war. Es zeigte: Lehm ist nie nur Baustoff. Er ist auch Lebensraum, Speicher, Geschichte(-nerzähler).

 

Nadine Janesch, 10. April 2026

© Fotos:

  • Palimpsest Grounds, Leonardo Bürgi Tenorio, 2025, Foto: ANPIS FOTO
  • Bilgehan Köhler

Veranstalter

IG Lehm Fachverband Schweiz
&
ibW Höhere Fachschule Südostschweiz
Referent/innen:
Bilgehan Köhler
Georg Faulhaber

Ort

Dornach & Seewen SO