IG Lehm Lehmbau-Exkursion zum Symposium

10. Mai 2026
Lehmbau in der Umsetzung
zum 2. Schweizer Lehmbau-Symposium
„Lehm verbindet – Tradition trifft Innovation“
Die IG Lehm bietet Ihnen eine Exkursion zu ausgewählten Lehm-Bauten in der Region. Die Exkursion führt zu vier ausgewählten Projekten und zeigt die Vielfalt zeitgenössischer Lehmanwendungen vor Ort
Die Route eröffnet Einblicke in unterschiedliche Massstäbe und Nutzungen – vom öffentlichen Bau über gemeinschaftliche Räume bis hin zu ganzheitlichen Naturhaus-Konzepten – und schafft Gelegenheit zum direkten Austausch mit Beteiligten und Fachpersonen vor Ort.
Programm:
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Verkehrsstützpunkt der Kantonspolizei Chur: Ein funktionaler Neubau mit nachhaltigem Energiekonzept, der Lehm im öffentlichen Kontext sichtbar einsetzt. Das Terrabloc-Sichtmauerwerk aus zementstabilisierten Lehmsteinen verbindet konstruktive Klarheit mit ressourcenschonendem Materialeinsatz.
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Stampflehmhaus «Gässlihus» im Dorfgarten Grabs (SG): Ein 400 Jahre altes Bauernhaus, das versetzt und im Dorfgarten neu aufgebaut wurde. Ein Anbau aus Stampflehm ergänzt die historische Struktur und schafft einen gemeinschaftlich genutzten Ort für Veranstaltungen, Küche, Yoga und Übernachtung – eingebettet in ein Permakulturprojekt.
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Haus Ziel in Altstätten (SG): Ein Naturhaus, das Lehm in Kombination mit Holz einsetzt und baubiologische Aspekte wie gesundes Raumklima und nachhaltige Materialwahl konkret erfahrbar werden lässt.
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Holzhaus in Nofels (Österreich): Haus Nofels zeigt für die Baupraxis eine kompakte Nachverdichtung mit klarer, funktionaler Architektursprache und einem konsequent regionalen Materialeinsatz. Im Fokus steht die Kombination aus vorgefertigter Holzkonstruktion und Lehmit-Decken, die schnelle Bauabläufe, gute Dämmwerte und ein gesundes Raumklima unterstützt. Mit Lehmbaustoffen aus der Region, Dachbegrünung und Photovoltaik verbindet das Projekt traditionelle Bauweise mit zeitgemässer, ressourcenschonender Gebäudetechnik.
Bericht
Verkehrsstützpunkt Kantonspolizei Graubünden, Chur GR
Die Exkursion zum zweitägigen Schweizer Lehmbau Symposium 2026 startete für die rund 30 Teilnehmenden beim Verkehrsstützpunkt der Kantonspolizei Graubünden in Chur. Die erste Besichtigung ermöglichte uns dank Markus Zwyssig vom Graubündner Hochbauamt Einblick in den neuen lehmhaltigen Polizeihub. Der im Wettbewerbsverfahren konzipierte Neubau verfolgte das Netto-Null-Ziel und stand mit seiner allseitigen PV-Fassade auf einer schmucken, grünen Insel inmitten von Strassenzügen, Kurven und Infrastruktur. Senkrecht und schräg geneigt als Fassadenelemente und gleich baulicher Sonnenschutz hängen die stromproduzierenden Paneele an der Aussenwand, wobei auch die Nordseite bis zu 20% Ertrag erzeugt.
Das Innere prägen Sichtmauerwerke aus zementstabilisierten (1-2% Zement) Lehmsteinen von Terrabloc, auch der Mörtel besteht zur Hälfte aus Zement für die ‚statische Sicherheit’. Getragen wird das Gebäude jedoch von einem versteckten Betonskelett. Die beauftragten Maurer freundeten sich nach anfänglicher Kritik im Laufe der Bauzeit mit den Lehmsteinen an, sie entwickelten gar empirischen Elan, um die gewünschte, ebene Fugenästhetik zu optimieren. Der Schwamm war für die Nachbearbeitung der Fugen zu nass und wurde nach kurzem Antrocknen zum Glätten mit einer Bürste ersetzt. Die Lehmstein-Lieferung aus Luzerner Erdmaterial wurde mit 2% Reserve extra bestellt, um eine ebenmässige Farbgebung der Sichtmauern zu garantieren. Schön anzusehen ist jeweilig auch das Sockeldetail – eine Rollschicht säumt jeden Raum als Wandfries.
Wie die rundum lehmigen, offenporigen Oberflächen spürbar positiv zum Raumklima beitragen, erfuhren die Teilnehmenden im Schulungsraum gleich selbst. So kann man sich vorstellen, wie nachhaltig angenehm und gesund dies bei täglicher Arbeit im Verkehrsstützpunkt wirkt und wohl den Arbeitenden zugutekommt.
Gässlihus, Grabs SG
Die flotte Carchauffeurin brachte die Exkursionsteilnehmenden im Anschluss sicher ins Rheintal, zur allgemeinen guten Stimmung durfte auch einer ihrer Busfahrer:innen-Witze zu Beginn übers Mikrofon nicht fehlen. Gekicher in den Busreihen.
In Grabs besuchten wir das Gässlihus, das heute an einer anderen Adresse zu finden ist als früher. Der traditionelle Strickholzbau aus dem 17. Jahrhundert wurde am Standort Gässli 5 zum Abbruch verurteilt. Früher wurde Vieles, ob traditionell oder ressourcenabhängig, noch weiterverwendet – entgegen der heutigen Wegwerfgesellschaft, sah man wohl eher den wahren Wert im Rohstoff. Im Rahmen einer studentischen Abschlussarbeit und mit Hilfe einer zehnköpfigen Arbeitsgruppe aus regionalen Engagierten fiel der Entschluss, die wertvolle Substanz, die altbewährte Bautechnik und den liebevollen Charakter des Hauses, in gemeinsamer Herausforderung und aus privaten Besitzverhältnissen heraus, erhalten zu wollen.
Der Holzbau wurde sorgfältig auseinandergebaut, kategorisiert, dokumentiert und als Bauteil-Puzzle am neuen Standort wiederaufgebaut. Wo nötig wurde er ertüchtigt, und mit einem abgedrehten Anbau aus Stampflehmelementen erweitert. Die Arbeitsgruppe plante um das Gässlihus ein gemeinschaftliches Permakultur-Projekt und verschrieb sich dem Erhalt von Wissen und Traditionen. Nach dem Erwerb des Grundstückes, worauf bis zu fünf Einfamilienhäuser Platz hätten und wo heute das Gässlihus zum neuen Leben erwacht, gedeihen nun rundherum Beete, Biotope und Blumenwiesen zum biodiversen Mini-Ökosystem heran.
Durch die gemeinsame Annäherung aller Beteiligten an Natur und Wissen wuchs die Idee vom Lehmbau mit dem Projekt mit. Jomo Zeil, Projektleiter bei LehmTonErde, erläuterte den Prozess zum Stampflehmgebäude. Mit der Frage „Was braucht das Material?“, waren teils auch Denkschritte zurück notwendig, um Klärung zu schaffen und gemeinsam nachhaltig Materialtreues zu entwickeln. Aus statischen Anforderungen des gewünschten Lehm-Massivbaus entschied man sich für Stampflehmelemente aus dem Vorarlberg. Die innenseitige Dämmung übernahmen Hanfkalksteine mit Kalk verputzt. Der Erfahrungsbericht zeigt, dass eine dauerhafte Vermietung und Beheizung bei einer relativ langen Aufwärmzeit des Hauses von Vorteil sind, doch dank Massivität saisonal dann doch der sommerliche Wärmeschutz trumpft. Die Geschossdecken in Holzkonstruktion erhielten für den verbesserten Trittschall unter dem fertigen Bodenbelag eine Kork-Trasskalk-Schüttung. Beton wurde einerseits im Erdreich als fundierende Bodenplatte verwendet, mit Erdaushub gefüllt und gedämmt, bevor ein Stampflehmboden mit Bodenheizung das Oberflächenfinish gab. Andererseits forderten die für den Lehm-Massivbau atypischen Sturzspannweiten den Einbau von Stahlbetonträger, was bei der Diskussion vor Ort mit ästhetischen Prioritäten und äusserem Erscheinungsbild erklärt wurde.
Wo ursprünglich ein kleiner Anbau für den Gemeinschaftsraum geplant war, beherbergt heute das neue Ensemblebauwerk auch ein kleines Bed & Breakfast, ein Studio mit Yoga-Raum im Dachgeschoss. Das Haus aus Lehm sei wie die Yogapraxis Inbegriff für Erdung. Man atme in keinen anderen vier Wänden so frei wie hier, beschreibt die Bewohnerin und Yogalehrerin. Es ist heute ein Haus für Vieles, wie Retraiten, Kurse, Dorftreffs und geselliges Beisammensein.
Bestärkt von Mut und Identitätsstiftung schuf die Arbeitsgruppe in Grabs einen vielschichtigen neuen Lebensraum für Pflanze, Tier und Mensch.
Haus Ziel, Altstätten SG
Die Mägen knurrten und der nächste Halt zur Mittagspause war das Haus Ziel oberhalb Altstätten. Das florale Buffet aus der hauseigenen Naturküche war nicht nur Gaumenfreude, auch optisch und kulinarisch eine Entdeckungstour und förderte sicherlich auch den weiteren Austausch über den eigenen Tellerrand hinaus.
Aus persönlichen Wertevorstellungen und zur Bewältigung gesundheitlicher Herausforderungen verfolgte die Eigentümerfamilie Halter-Kobler beim Umbau einen holistischen, biologischen Ansatz. Was tut gut – was tut nicht gut? Der Grundsatz hiess: Kunststoffbefreiung und Essen, was ums Haus wächst. Schafgarbe, Löwenzahn, Spitzwegerich, ...
Beim Bau setzten Sonja und Daniel konsequent auf regionale und natürliche Materialien. Das Gebäude entstand als Vollholz-Elementbau aus naturbelassenem Appenzeller Holz produziert und prozessbegleitet von Nägeli Holzbau, weiteren heimischen Hölzer sowie leimfreien Konstruktionen und diffusionsoffenen Baustoffen, wie Clemens Koller darlegte. Lehm spielte dabei eine zentrale Rolle: Lehmplatten und -putze tragen zu einem natürlichen Feuchtigkeitsausgleich und einem angenehmen Raumklima bei. Ergänzt wurde die Materialwahl durch Naturbaustoffe wie Schafwolle, Sumpfkalk und Kasein für ein nachhaltiges und gesundes Wohnumfeld. Besonders ins Auge stachen die Fugen, wo statt Silikon reines Bienenwachs verwendet wurde und abdichtete. Oder auch die Rückwand der Gastroküche, wo eine feine Schicht Bienenwachs dem Lehmputz eine wasserabweisendere Oberfläche ermöglicht.
Als Herberge, Kursort und Zuhause ist das Haus Ziel ein wundervolles Beispiel wie die Natur im und ums Haus stetige Begleiterin, Inspiration und Heilkraft sein kann.
Holz-Lehm-Hybrid und Hanflehm-Verwendung, Nofels A
Auf der anderen Seite des Rheins, in Nofels, besuchten wir am Nachmittag und zum Abschluss der Exkursion ein beispielhaftes Holz-Lehm-Hybridhaus in Entwicklung mit ERDEN Studio. Der Holzbauunternehmer schwärmte in seinem Prozessbericht von einem Holzbau mit Passion. Ein gut konzipiertes und materialgetreues Projekt löse bei Handwerker:innen automatisch den Anspruch an eine ebenso gute Ausführung aus und sporne an. Das mit einem Verbindungsbau an das bestehende Elternhaus andockende Einfamilienhaus basierte auf der Grundfläche von sechs Holz-Lehm-Gewölbedecken-Module von LEHMIT und generierte auf zwei Geschosse 126m2 Wohnraum. Die Deckenelemente überspannten jeweils rund vier Meter Raum und integrierten, eingestampft, mind. zwölf Zentimeter dicke Lehmgewölbe. Die Masse, welche das Erdmaterial so in den leichten Holz-Elementbau bringt, ermöglichte die verbesserten bauphysikalischen Eigenschaften und verlieh dem Wohnen in ihren Gewölbeformen einen eigenen ästhetischen Charakter.
Arnaud Evrard, Dozent an der ETH Zürich für Bau, Umwelt und Geomatik, besuchte die Exkursionsgruppe noch aus der Nachbarschaft mit einem kurzen Hanflehm-Input zu hauseigenen Sanierungsarbeiten zwei Strassen weiter und brachte, ganz praxisnahe, gleich Material zur Veranschaulichung und für's Tasterlebnis mit. Sein Projekt: ein eingeschossiges Haus aus den 60er Jahren, von Kunststoffdämmung befreien und mit Naturbaustoffen aussen neu dämmen. Unter einem leicht vorstehenden Steildach zwischen Holzständer wurde in Zusammenarbeit mit dem Verein isoterra 18 Zentimeter Hanflehm aufgespritzt, abgezogen und eineinhalb Monate ohne Putz luftgetrocknet. Im letzten Schritt wurde ein Kalkputz angebracht und seither wird gespannt beobachtet, wie sich die äussere Sanierung mit Natur pur erleben lässt, entwickelt und innen optimiert.
Ein Tag gefüllt mit Lehm in unterschiedlichsten Dimensionen. Klein- oder grossteilig, gefügt, gegossen oder verputzt, vertikal oder horizontal und aus grundsätzlichen Beweggründen, als Ansatz oder in symbiotischer Ergänzung. Mit vielschichtigen Inspirationen, bereicherndem Austausch und Wissenszuwachs im Gepäck ging es wieder ab nach Hause.
Mit herzlichem Dank an alle Beteiligten, für das Engagement, die Offenheit und die Gastfreundschaft
Nadine Janesch, Juli 2026
Beteiligte Firmen
Veranstalter
IG Lehm Fachverband Schweiz
&
ibw Höhere Fachschule Südostschweiz
Ort
Rheintal GR + SG